Wirecard: Österreichischer Geheimdienstmann soll Jan Marsalek bei Flucht geholfen haben

Die Affäre um den flüchtigen Ex-Wirecard-Manager Jan Marsalek weitet sich endgültig zum Geheimdienstkrimi aus. In Österreich hat die Staatsanwaltschaft Wien einen ehemaligen Abteilungsleiter des Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) und einen ehemaligen Nationalratsabgeordneten der rechtspopulistischen FPÖ festnehmen lassen.

Laut dem Haftbefehl, den der SPIEGEL einsehen konnte, besteht der dringende Tatverdacht, dass Martin W. und Thomas Schellenbacher am 19. Juni Marsalek bei seiner Flucht nach Belarus geholfen haben. Der Ex-Wirecard-Vorstand soll damals mit einem Cessna-Kleinflugzeug mit der Flugnummer FTY5 vom österreichischen Bad Vöslau nach Minsk geflohen sein. Wo er sich seitdem aufhält, ist nicht bekannt. Gerüchteweise versteckt er sich in Russland.

Die Staatsanwaltschaft München I ermittelt gegen den in Wien geborenen Marsalek unter anderem wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs in Milliardenhöhe. Über die neueste Wendung in der Affäre hatte zuerst die österreichische Zeitung »Der Standard« berichtet.

Laut der österreichischen Ermittlungsunterlagen soll sich der ehemalige BVT-Abteilungsleiter Martin W. am Tag vor der Flucht in München mit Marsalek in einem Restaurant getroffen haben, um dessen Verschwinden in die Wege zu leiten. Den Flug mit der Cessna soll dann der Ex-FPÖ-Abgeordnete Schellenbacher eingefädelt haben.

Schellenbacher sorgte in den vergangenen Jahren mehrfach für Schlagzeilen. So tauchte der bis dahin politisch völlig unerfahrene Unternehmer 2013 überraschend auf der Landesliste der Wiener FPÖ zu den Nationalratswahlen auf. Er verpasste den Einzug in den Nationalrat knapp, bekam dann aber sonderbarerweise doch einen Sitz, weil drei andere Kandidaten auf ihren Posten verzichteten.

Später wurde unter anderem durch eine eidesstattlich versicherte Aussage bekannt, dass das Mandat offenbar erkauft worden war. Eine Gruppe ukrainischer Unternehmer soll zehn Millionen Euro gezahlt haben, damit Schellenbacher ins Parlament einzieht. Es besteht der Verdacht, dass der damalige FPÖ-Chef und spätere Vizekanzler Heinz-Christian Strache maßgeblich an dem Deal beteiligt war. Darauf deuten Fotos einer Sporttasche mit Bargeld hin, die sich mutmaßlich in Straches Wagen befand.

»Es stinkt bei Wirecard«

Schellenbacher, der bereits am Mittwoch festgenommen wurde, hat inzwischen in einer Vernehmung eingeräumt, den Flug nach Minsk für Marsalek organisiert zu haben – angeblich im Auftrag des seit einiger Zeit beim BVT freigestellten Geheimdienstlers Martin W.

Offenherzig räumte der Ex-FPÖ-Abgeordnete gegenüber den Ermittlern ein, dass er »natürlich« mitbekommen habe, »dass es bei Wirecard stinkt«, schließlich war Marsalek im Juni als Vorstand abgesetzt worden. Martin W. habe ihn aber beruhigt und gesagt, das sei nur »eine Mediengeschichte«, es sei »alles in Ordnung«. Er habe dann Marsaleks Reisepass an den Piloten des Flugzeugs weitergeleitet. Bezahlt habe der Ex-Wirecard-Vorstand in bar.

Am Tag der Flucht habe Martin W., so Schellenbacher, mehrfach angerufen, um mitzuteilen, dass sich Marsalek verspäte und dessen Taxi die Einfahrt zum Flugplatz in Bad Vöslau nicht finde – ein weiterer Beleg dafür, dass der BVT-Beamte offenbar eng in die hektische Flucht nach Belarus eingebunden war. Laut der österreichischen Zeitung »Die Presse« wurde Martin W. am Freitagabend festgenommen. Seine Anwältin reagierte zunächst nicht auf eine Anfrage des SPIEGEL.

Mutmaßlicher Missbrauch der Amtsgewalt

Marsalek und Martin W. hatten nach Erkenntnissen der deutschen Ermittler seit Jahren intensiven Kontakt. Der einst ranghohe österreichische Geheimdienstmann war ständiger Gast in Marsaleks Münchener Domizil, einer Gründerzeitvilla in der Prinzregentenstraße im Nobelstadtteil Bogenhausen. Nach SPIEGEL-Informationen wickelten sie von dort gemeinsame Geschäfte ab.

Neben dem Verdacht der Fluchthilfe erhebt die österreichische Justiz nun noch weitere brisante Vorwürfe gegen den ehemaligen BVT-Abteilungsleiter Martin W. Die Ermittler werfen ihm vor, dass der freigestellte Beamte dubiose Nebentätigkeiten für Wirecard übernommen habe. So soll er für den Finanzdienstleister die Zahlungsfähigkeit von Pornoseiten-Anbietern überprüft haben.

In diesem Zusammenhang hätten Martin W. und womöglich weitere BVT-Mitarbeiter personenbezogene Daten für Wirecard ermittelt – und somit ihre Amtsgewalt missbraucht. Dem flüchtigen Marsalek wirft die Wiener Staatsanwaltschaft in diesem Zusammenhang Bestechung vor. Marsaleks deutscher Rechtsanwalt wollte sich zu den neuen Vorwürfen nicht äußern. »Sie haben bitte dafür Verständnis, dass nach wie vor keine Stellungnahme zu diesem Sachverhalt abgegeben wird«, sagte er dem SPIEGEL.

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