Israel: Forscher berichten von Kollaps der Artenvielfalt im Mittelmeer

In den vergangenen Jahrzehnten fand im östlichen Mittelmeerraum ein dramatisches Massensterben statt, berichten Forscher. Laut einer Analyse hat die Artzahl heimischer Schnecken, Muscheln und anderer Wirbelloser aus der Gruppe der Mollusken in einigen Regionen um bis zu 95 Prozent abgenommen.

Das Team um Paolo Albano vom Institut für Paläontologie der Universität Wien hat entlang der israelischen Küste das Artvorkommen in den vergangenen Jahrzehnten anhand leerer Schalen im Sediment rekonstruiert und mit der heutigen Vielfalt der Spezies verglichen.

Besonders stark abgenommen hat demnach die Diversität in seichten Tiefen: »Für jeden, der es gewohnt ist, im Mittelmeer zu schnorcheln oder zu tauchen, ist das Unterwasser-Szenario in Israel nicht wiederzuerkennen«, erklärte Albano. Während die heimischen Arten zu großen Teilen verschwunden seien, tummelten sich vor der Küste nun tropische Arten, die über den Suezkanal einwandern.

Schlechtes Wachstum heimischer Arten

Die in der Region neueren Arten gedeihen nach Angaben der Forscher prächtig. Unter den heimischen Spezies, die lebend gefunden wurden, schafften es dagegen 60 Prozent nicht mal bis zur Fortpflanzungsreife, sondern starben vorher. Albano sieht das als Zeichen, dass sich der Schwund der Artenvielfalt in der Region weiter fortsetzen wird.

In welchem Zeitraum es genau zu dem bisherigen Artverlust kam, können die Forscher nicht sagen. »Muscheln bleiben in oberflächlichen marinen Sedimenten über Jahrzehnte bis Jahrtausende erhalten«, schreiben sie im Fachmagazin »Proceedings of the Royal Society B«. Das Ergebnis könne dadurch theoretisch verfälscht worden sein, allerdings seien die untersuchten Muscheln, die in harten Untergründen gelebt haben, im Schnitt lediglich zwischen 26 und 56 Jahre alt.

Die Studie deutet somit darauf hin, dass der größte Teil des Verlusts in den vergangenen Jahrzehnten stattgefunden hat, was mit den Veränderungen infolge des Klimawandels korreliert.

Wärmeres Wasser, weniger Muscheln und Schnecken

Die Gewässer vor der Küste Israels gehören zu den wärmsten im Mittelmeer und haben sich zwischen 1980 und 2013 um etwa drei Grad erwärmt. Im Sommer erreicht das Wasser inzwischen Temperaturen von 32 Grad Celsius.

Nun zeigt sich: Die meisten heimischen Arten befanden sich lange an der Toleranzgrenze für die Wassertemperatur. Bei vielen wurde sie nun überschritten. Die Forscher befürchten, dass das regional dokumentierte Aussterben längst nicht alles ist.

So könnte es in anderen Regionen des Mittelmeeres bereits unbemerkt zu ähnlichen Effekten gekommen sein. Weiter steigende Wassertemperaturen könnten zudem dazu führen, dass künftig auch Gebiete im westlichen und nördlichen Mittelmeer von dem Schwund betroffen sein werden, so das Team.

Einheimische Spezies, die im Gezeitenbereich leben, also durch Ebbe und Flut mal von Wasser bedeckt sind und mal von Sonne beschienen werden, sowie solche in tieferen und damit kühleren Bereichen des Meeres, sehen die Experten dagegen bislang nicht in Gefahr.

»Doch die Zukunft ist düster, wenn wir nicht sofort handeln, um unsere Kohlenstoffemissionen zu reduzieren«, so Albano. »Die bereits eingetretenen Veränderungen in den wärmsten Gebieten des Mittelmeeres sind möglicherweise nicht umkehrbar, aber wir könnten große Teile des restlichen Meeresbeckens retten.«

Icon: Der Spiegel

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