Forscher finden Mikroplastik in mehr als 8200 Meter Meerestiefe

Als der Abenteurer Victor Vescovo im April 2019 im Marianengraben mit einem Mini-U-Boot unterwegs war, staunte er über einen ungewöhnlichen Fund.

In fast 11.000 Meter Tiefe entdeckte der Amerikaner eine Plastiktüte, die auf dem Meeresboden lag. Die Entdeckung sorgte für Schlagzeilen, denn sie machte deutlich: Weggeworfener Plastikmüll schafft es selbst in die entlegensten Winkel der Ökosysteme.

Ein Team um Serena Abel und Angelika Brandt vom Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt am Main konnte nun zeigen, dass in der Tiefsee auch viel winzigere Kunststoffteilchen herumschwirren. In Sedimentproben aus dem Kurilen-Kamtschatka-Graben fand es Mikroplastik.

In einem Kilogramm der Proben steckten zwischen 14 und 209 solche winzigen Teilchen. Insgesamt konnten die Forscher 15 verschiedene Plastikarten finden, berichten sie in ihrer Studie im Fachmagazin »Environmental Pollution«.

Die acht Sedimentproben stammen aus Tiefen von 5143, 6065, 7138 und 8255 Metern. Den höchsten Kunststoffanteil entdeckte das Team ausgerechnet in den Proben, die am tiefsten lagen. »Dies liegt wahrscheinlich an der Situation, dass die Partikel zwar gut in diesen Bereich gelangen, dann aber dort festgehalten werden. Diese Gräben sind richtige Plastik-Fallen«, wird Abel in einer Mitteilung zitiert. Die Plastikteilchen wiesen Größen von unter 375 Mikrometern auf, die meisten waren kleiner als 125 Mikrometer, also etwa ein Achtel eines Millimeters.

Vieles über die Wirkung von Mikroplastik auf die Ökosysteme und die Organismen von Meerestieren ist noch unklar. Aber dass solche Partikel so tief im Meer in großen Mengen absinken, bedeutet auch, dass die Basis der Nahrungskette betroffen ist, da viele wirbellose Tiere Sediment inklusive der Mikroplastikpartikel fressen. »Kommende Generationen werden daher leider noch lange mit den Spuren der heutigen Umweltverschmutzung konfrontiert sein«, sagt Meeresforscherin Brandt.

Das hat eine Untersuchung des Max-Planck-In­sti­tuts für Ma­ri­ne Mi­kro­bio­lo­gie in Bre­men über die Langzeitfolgen der Kunst­stoff­mengen in der Tiefsee bestätigt. Auch nach 20 Jahren konnten die Forscher in mehr als 4000 Me­ter Tiefe keine Spuren des Abbaus oder der Zersetzung finden.

Die Proben der aktuellen Studie wurden 2016 bei einer Expedition mit dem Forschungsschiff »Sonne« gewonnen. Der über 2200 Kilometer lange Kurilen-Kamtschatka-Graben liegt im Nordwestpazifik. Neben der Halbinsel Kamtschatka ist er nach den Kurilen, einer zu Russland gehörenden Inselgruppe, benannt.

Wie viel Plastikmüll in dem Tiefseegraben lagert, können die Forscher nicht sagen. Wissenschaftler aus Australien schätzten kürzlich, dass es global zwischen neun und rund 16 Millionen Tonnen sein könnten, die in den Böden stecken.

Plastikinseln aus Verpackungen

Die Herkunft des Mülls in den Meeren erscheint klar. Unter den nachgewiesenen Kunststoffarten fand sich vor allem Polypropylen. Das Material wird oft für Verpackungen verwendet.

Der globale Strom des Plastikmülls beginnt meist in den Flusssystemen und an den Küsten der Erde. Von dort verteilt sich der Müll in den Meeren, wo er sich teils zu gigantischen Inseln zusammenballt. Dabei zerreiben sich die Kunststoffe zu immer kleineren Partikeln, die sich überall in den Ozeanen verteilen. Die Tiefseegräben drohen dabei zu den Mülldeponien der Weltmeere zu werden.

Icon: Der Spiegel

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