Erdrutsch in Norwegen: Satellitenbild zeigt Ausmaß der Verwüstungen

Zunächst sei da dieses Grollen gewesen, im Haus habe es leise geklappert. So, als habe der Schneepflug eine viel zu frühe Runde gedreht. So erinnert sich Øystein Gjerdrum an den frühen Morgen des 30. Dezember 2020. Der 68-Jährige war bei seiner Tochter im norwegischen Örtchen Ask zu Gast, rund 40 Kilometer nordöstlich von Oslo. Sein Job: auf die drei Enkelkinder aufpassen, acht, zehn und zwölf Jahre alt.

Gleich nach den seltsamen Geräuschen fiel der Strom aus und die Nachbarn pochten an die Tür. Gjerdrum und die Familie sollten so schnell wie möglich mit ihnen kommen und sich in Sicherheit bringen. In Ask ereignete sich an diesem Mittwochmorgen nicht weniger als eine geologische Tragödie: Bei einem riesigen Erdrutsch kamen Hunderttausende Tonnen Boden in Bewegung. 700 Meter lang und 300 Meter breit war das betroffene Gebiet. Rund zehn Häuser mit mehr als 30 Wohnungen wurden zerstört. Hunderte Menschen mussten ihre Häuser verlassen.

Zunächst wurden zehn Menschen vermisst, in den Tagen nach dem Unglück konnten mindestens sieben von ihnen nur noch tot geborgen werden. Die Bedingungen für die Rettungskräfte waren extrem schwierig: Nicht nur die kurzen Tageslichtphasen in der Kälte des norwegischen Winters, auch der selbst noch lange nach dem Unglück extrem instabile Untergrund machte die Arbeiten schwer, sodass erst nur mit Hubschraubern und Drohnen nach Verschütteten gesucht werden konnte.

Ein Bild der privaten Satellitenkonstellation »Skysat« des Unternehmens Planet Labs zeigt die Lage im Unglücksgebiet am 3. Januar 2021 aus 550 Kilometern Höhe: Bis zu zwei Kilometer weit haben sich die Erdmassen durch die Landschaft geschoben. Und manche der Häuser des 2008 errichteten Wohngebiets wurden dabei mitgerissen, als wögen diese nichts.

Zu den Ursachen des Erdrutsches laufen offizielle Untersuchungen der norwegischen Behörden. Doch Wissenschaftler hatten schnell eine Vermutung zum möglichen Hergang des Geschehens. Aus ihrer Sicht ist eine geologische Besonderheit im Untergrund verantwortlich für das Desaster. Es handelt sich um sogenannten Quickton. Das ist, vereinfacht ausgedrückt, ein eigentlich belastbares Sedimentgestein – bis zu genau dem Zeitpunkt, wo es wegen veränderter Bedingungen auf einmal jegliche Stabilität verliert. »Dafür sind nur kleine Veränderungen nötig. Es reicht, wenn an einer ungünstigen Stelle ein Keller ausgehoben wird«, sagt Thomas Lege von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover.

An Hängen kommt der Quickton dann ins Rutschen – so wie in Ask. Wer verstehen will, warum sich das Gestein so verhält, muss sich dessen Geschichte ansehen. Entstanden sind die Formationen während der letzten Eiszeit vor rund 20.000 Jahren. Damals wurde durch bis zu 3000 Meter dicke Gletscher extrem fein gemahlenes Gesteinsmehl ins Meer transportiert. Dort verlieh das salzige Wasser diesem Boden durch elektrostatische Wechselwirkungen eine hohe Festigkeit.

Doch mit dem Schmelzen der skandinavischen Gletscher hob sich das Land um 200 bis 300 Meter. Der Prozess hält genau genommen bis heute an. Dadurch verlor der Ton den Kontakt mit dem Meerwasser. Im Gestein enthaltenes Salz wurde außerdem beständig vom Regen ausgespült. Der Boden verlor – und verliert – also, was ihn stabilisiert hat.

Auch andernorts gab es vergleichbare Erdrutsche

Ohne Vorwarnung kann so eine Pampe entstehen, die man aus dem Sommerurlaub kennt, wenn man an der Brandung von Nord- oder Ostsee steht und nach und nach im Treibsand versinkt. So, das ist zumindest die aktuelle Arbeitshypothese, dürfte es auch in Ask gewesen sein. Auch in der Vergangenheit hat es vergleichbare Erdrutsche schon gegeben, zuletzt im nordnorwegischen Alta im vergangenen Sommer und auf dem Gebiet der heutigen Kommune Lillestrøm im Nordosten Oslos im Herbst 2016. Besonders bekannt unter Experten ist ein riesiger Erdrutsch, der sich im April 1978 im zentralnorwegischen Rissa ereignete. Damals gerieten nicht weniger als sechs Millionen Kubikmeter Grund ins Rutschen und sorgten für eine Flutwelle in einem Fjord.

Geologische Risiken durch Quickton gibt es auch in Schweden, Kanada und im US-Bundesstaat Alaska. Für Norwegen gibt es Risikokarten, auf denen auch Teile der Gemarkung von Ask als problematisch vermerkt sind. Ob womöglich auf ungeeigneten Flächen Wohngebäude errichtet wurden, welche Rolle der Bau eines Wanderweges auf einem Golfplatz unterhalb des betroffenen Areals im vergangenen Herbst spielte und welches die starken Regenfälle in der Region Ende Dezember – all das wird in den Untersuchungen geklärt werden.

In Deutschland, das ist die gute Nachricht, muss niemand Angst vor Gefahren durch Quickton haben – obwohl auch hier Teile des Landes in der letzten Eiszeit dick vergletschert waren. »Die Situation der starken Landhebung gibt es in Deutschland nicht. So gibt es hier keinen Ton, der unterhalb des Meeresspiegels abgelagert wurde und damit keine Probleme mit natürlichen Quicktongebieten«, sagt der BGR-Experte Lege.

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