Olivia Rodrigo auf Nummer 1: Wie »Driver’s License« zum Welthit wurde

In Kalifornien dürfen 16-Jährige den Autoführerschein machen. Diese Information ist wichtig, um den ersten großen internationalen Pop-Hit des Jahres 2021 zu verstehen. Denn er beginnt damit, dass die 17-jährige Olivia Rodrigo, geboren, aufgewachsen und ansässig in Kalifornien, mit brüchiger Stimme zu Klaviertönen singt: »I got my driver’s license last week«.

Der Song »Driver’s License« erschien am 8. Januar und entwickelte sich rasend schnell zum Riesenerfolg, insbesondere auf Spotify: Am 11. Januar stellte »Driver’s License« den Rekord für die meisten Streams eines Nicht-Weihnachtssongs an einem Tag auf. Am nächsten Tag wurde es noch öfter gestreamt, über 17 Millionen mal. Inzwischen steht der Zähler des schwedischen Streamingdienstes bei über 150 Millionen Streams.

Eine direkte Folge des Streamingerfolgs, der auch bei anderen Diensten zu verzeichnen ist: Auch in die Hitparaden steigt »Driver’s License« ganz hoch ein. In den USA zum Beispiel gleich auf Platz eins, wo laut »Billboard« das Radio-Airplay nachzuziehen beginnt. Auch in Großbritannien, Australien und sechs weiteren Ländern gelang Olivia Rodrigo der Sprung von Null auf Eins. In den deutschen Singlecharts steht der Song nun auf Platz zwei – hinter dem Deutsch-Rap-Duett »Ohne dich«.

Wer ist diese Olivia Rodrigo?

Ganz ohne Vorgeschichte kann ein solches Debüt natürlich nicht gelingen. Nach langer Tradition (Britney Spears, Miley Cyrus, Selena Gomez, um nur wenige zu nennen) hat Olivia Rodrigo ihre Showbusiness-Karriere bei Disney begonnen – zunächst in der Disney-Channel-Serie »Bizaardvark«, prominenter dann in »High School Musical: Das Musical: Die Serie«, einer Produktion für den Streamingdienst Disney+ auf der Basis der beliebten »High School Musical«-Spielfilme.

Olivia Rodrigo spielt darin eine der Hauptrollen, Nini, und ein Song, den sie für die Serie beigesteuert hat, wurde Anfang 2020 ihr erster, kleinerer Hit: »All I Want«. Schon dies ist eine Ballade auf Klavierbasis, doch sie ist sehr rund produziert mit Streichereinsatz und, nun ja, musicalhaften Pausen, Sprüngen und Steigerungen.

Ihre erste Single außerhalb des Serienkosmos gibt sich da emotional angegriffener: Die frisch mit dem Führerschein versorgte Protagonistin des Liedes fährt durch die Vorstadt, in der ihr Ex wohnt, der sie für eine ein paar Jahre ältere Blonde verlassen hat (»She’s everything I’m insecure about«). Im Refrain klagt sie, er habe wohl nicht ernst gemeint, was er in seinem Lied über sie gesungen habe: »You said forever, now I drive alone past your street«.

Es ist schon ein starkes Grundszenario für einen Popsong: Der Führerschein ist eines der modernen Übergangsrituale zum Erwachsenenwerden – dass in dieser Situation eine Liebe zerbricht, die im Teenagerglauben für ewig gehalten wurde, erzeugt einen Schmerz, der allgemeinverständlich und nachvollziehbar ist, aber spezifisch genug, um nicht reines Klischee zu sein. Und dann gibt es noch einen dramatischen Mittelteil, in dem Rodrigos Stimme, inzwischen längst voll und nicht mehr brüchig, gedoppelt wird; er gipfelt in den Worten »I still fucking love you, baby«.

Die US-Pop-Kritik spendierte Vergleiche mit Lorde und Taylor Swift. Letztere gratulierte Olivia Rodrigo auf Instagram zu ihrem Hit, was wiederum Swift-Fan Rodrigo schwer aus dem Häuschen brachte.

»Perfekter Sturm«

Doch mit Starbonus und Kritikerlob ist der rasante Erfolg von »Driver’s License« natürlich nicht vollständig zu erklären: Zur Veröffentlichung gab es auf TikTok eine der auf dem Kurzvideonetzwerk so beliebten Umzieh-Challenges, an der sehr viele Nutzer teilnahmen (hier einige Beispiele). Knapp zwei Wochen nach Veröffentlichung des Songs wurden bereits über 800.000 TikTok-Videos mit dem Sound von »Driver’s License« gepostet – zum Vergleich: »Blinding Lights«, der erfolgreichste Pop-Hit des Jahres 2020, wurde für 1,1 Milliarden Videos genutzt.

Und dann gibt es noch den Klatschaspekt, der wieder zu »High School Musical: The Musical: The Series« führt: Fans spekulieren, dass der Song von Joshua Bassett handelt, dem männlichen Hauptdarsteller der Serie, der wiederum seit dem Sommer der Schauspielerin Sabrina Carpenter liiert sein soll – blond und ein paar Jahre älter als Rodrigo.

Zumindest schreibt und singt auch Bassett Songs, eine neue Single kam am 14. Januar heraus, Titel: »Lie, Lie, Lie«. In den Kommentatoren unter dem YouTube-Video betonen Bassetts Fans, die Demoversion des Songs sei zwei Jahre alt, es könne schon deshalb kein Antwortsong auf »Driver’s License« sein. Definitiv eine musikalische Antwort hat nun an diesem Freitag Sabrina Carpenter gegeben: In »Skin« spekuliert sie, ob vielleicht »blonde« der einzig mögliche Reim gewesen sei. Eine Pop-Seifenoper.

Für einen Spotify-Verantwortlichen, den die »New York Times« interviewte, ergab das Zusammentreffen der verschiedenen Effekte bei »Driver’s License« einen »perfekten Sturm«, in diesem Fall eine Verkettung glücklicher Umstände. Olivia Rodrigo freute sich im selben Artikel besonders darüber, Videos gesehen zu haben, in denen Leute gesagt hätten: »Ich habe keine Ahnung, wer dieses Mädchen ist, aber ich liebe diesen Song.«

Icon: Der Spiegel

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