Elke Heidenreich stellt die »Kopenhagen-Triologie« von Tove Ditlevsen vor

Elke Heidenreich

Das ist vielleicht gemein, was ich jetzt mache, aber gucken Sie mal, was ich aufgebaut habe: Das ist Karl Ove Knausgård. 4590 Seiten: ich, ich, ich. Ich habe das tatsächlich gelesen. Und zwar gar nicht mal so ungern. Mit einer Mischung aus Faszination und Entsetzen, wie sich Karl Ove Knausgard völlig bis auf die Knochen entblößt. Fast 5000 Seiten von schier toxischer Männlichkeit. Und alle, die mit ihm leben, entblößt er natürlich auch. Und das hat mich abgestoßen und angezogen gleichermaßen.

Aber jetzt das hier: Drei schmale Bände über ein Frauenleben. »Kindheit«, »Jugend« und »Abhängigkeit«. Diese beiden erscheinen erst im Februar und dieses ist jetzt schon da. Im Aufbau Verlag erschienen von einer Dänin Tove Ditlevsen. Das sind zusammen 450 Seiten über ein ganzes Leben. Tove Dietlevsen wurde 1917 geboren und nahm sich 1976 mit gerade mal 59 Jahren das Leben. Sie wuchs auf in Kopenhagen, in einer Arbeitersiedlung, wurde nicht gefördert von ihren Eltern. Das beschreibt sie in einem sehr erschütternd schönen Buch Kindheit, wie sie eine Sehnsucht hat nach Literatur, nach Lyrik. Sie schreibt selbst Gedichte. Sie hat einen Platz auf einer Fensterbank in ihrem Schlafzimmer. Das ist der einzige Ort, wo sie allein ist, wo sie aus dem Fenster blicken kann, ein bisschen nachdenken und heimlich ihre Gedichte schreiben. In dem Band Jugend beschreibt sie dann, wie sie erste Gedichte tatsächlich verkauft. An eine Literaturzeitschrift, wie sie sich ein Zimmer nimmt, mit schrecklichen Jobs über Wasser hält und unabhängig lebt.

Aber »abhängig« kommt dann auch wieder »Abhängigkeit«. Das ist dann der dritte Band, indem sie beschreibt, wie sie erste Männerbekanntschaften hat, Ehen, mehrere Ehen. Und einer ihrer Männer ist Arzt und bringt sie an, wenn man so will, an Drogen, an Tablettensucht, Aufputschmittel, Schlafmittel, damit sie schreiben kann, weil sie von Selbstzweifeln, Ängsten und Nicht-Selbstvertrauen sehr geplagt ist. Das beschreibt sie in diesen drei Bänden. Der dritte erschien 1971 und ein paar Jahre später war diese schöne, sensible und begabte Frau schon tot. Schauen Sie mal, wie sie aussah, Tove Ditlevsen. Kann man das mal zeigen? Ja. Lesen Sie das unbedingt. Es ist ein Buch von unglaublicher Kraft. Alle drei. Wie eine Künstlerpersönlichkeit entsteht und wie sie auch wieder vernichtet wird und welche Sprache sie entwickelt. Wie sie schreibt über den dunklen Rand der Angst in ihrem Leben. Wie sie eine Lehrerin zitiert, die sagt: »Sie hat mich angesehen, wie etwas, das man unter einem Stein gefunden hat.« Was für Bilder und was für ein Sog in ihrer Sprache. Sie beschreibt Kindheit so, ich möchte das vorlesen: »Die Kindheit ist lang und schmal wie ein Sarg, aus dem man sich nicht allein befreien kann. Sie hängt an einem, wie ein Geruch. Man bemerkt sie auch an anderen. Jede Kindheit riecht anders. Dunkel ist die Kindheit und sie winselt wie ein kleines Tier, das man in einen Keller gesperrt und vergessen hat. Sie bildet eine Wolke vor dem Gesicht, wie kalter Atem. Und mal ist sie zu klein und mal ist sie zu groß. Ganz genau passt sie nie.«

Diese drei Bücher »Jugend«, »Kindheit«, »Abhängigkeit« sind von atemberaubender Intensität und Schönheit. Und sie zeigen, dass aus einem Grau, aus dem eine Künstlerin sich durchkämpfen und an ihr Talent glaubt, tatsächlich doch etwas werden kann, auch wenn sie am Ende so tragisch scheitert, dass man Vermittler schier zerrissen wird. Sie gerät immer wieder an die falschen Männer. Als sie 20 ist, steht sie einmal vom Spiegel und sagt: »Ich habe das Gefühl, außerhalb dieser Zimmer würden die Tage für alle anderen Menschen wie von Pauken und Trompeten begleitet, davonrauschen, während sie auf mich so unmerklich herabsinken wie Staub, einer Grau, wie der andere.« Aus dem Staub ihres Lebens leuchtet dieses Werk. Tove Ditlevsen gilt es unbedingt wiederzuentdecken.

 

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