Barack Obama bei Markus Lanz: »Du schläfst plötzlich in einem Museum«

Körpersprachlich ist Lanz beim einleitenden Small Talk (»Hello, Marcus!«) ungewohnt unsicher. Er streicht die die Hose glatt, versichert sich tastend der Existenz seines Sessels und weiß nicht, wohin mit seinen Händen. Das mag ihm ankreiden, wer noch nie in einer vergleichbaren Situation gewesen ist. Zumal Lanz die kommende halbe Stunde, ebenfalls ungewohnt, ohne den Knopf im Ohr – und damit ohne Regie – bestreiten wird.

Das Setting ist betont neutral. Ein leerer Konferenzraum mit einer leeren Couch vor den mit bleichen Gardinen verhängten Fenstern, unter einer niedrigen Decke ein Teppich mit Fleck, vermutlich Kaffee vom zuvor eilig abgeräumten Büfett der Endokrinologen von Massachusetts. Er wird dann aber auch der einzige Makel an dieser Begegnung bleiben.

Im einleitenden Small Talk scherzt Lanz über die Sicherheit des Raumes und Obama lobt im Gegenzug den Besucher: »Ich habe gehört, Sie haben ein wunderbares Publikum«. Lanz revanchiert sich mit dem Scherz, er finde das Buch »ein bisschen kurz, nur 1018 Seiten!« Obama räumt ein, er würde sich gern kürzer fassen können.

Lanz will wissen, was er tun werde, sollte der ehemalige Präsident am Ende weniger Bücher verkaufen als seine Frau. In die Antwort hinein feuert er gleich den nächsten Gag, ob Obama das Ergebnis dieser Auszählung denn anerkennen werde. Spätestens nach diesem Doppelschlag erkennt »das wunderbare Publikum« seinen Lanz wieder. Und Obama weiß endgültig, mit wem er es zu tun hat.

Oder glaubt, es zu wissen. Schließlich ist genau das die Methode, mit der Lanz tatsächlich zum besten Talker im deutschen Fernsehen avanciert ist. Tief anfliegen, weiche Fragen stellen, menscheln, das zusehends entspannte Opfer mit ans Schmierige grenzenden Liebenswürdigkeiten einlullen – und dann zuschlagen.

Wie also hat Obama die Wahlnacht erlebt? Seine Präsidentschaft, war sie nicht eine Revolution? Was ist von Biden zu erwarten? Und was fiel ihm leichter, der Einzug ins oder der Auszug aus dem Weißen Haus? Sieht man die Scharfschützen auf den Dächern?

»Das ist das Haus des Volkes«

Obama erinnert sich, plaudert, spricht zum deutschen Publikum von Biden als Transatlantiker, und bei seinem Einzug habe er einige Krisen vorgefunden, das kollabierende Finanzsystem, Kriege im Irak und in Afghanistan. Lanz ist das zu hart und zu früh: »Und emotional?«, will er jetzt lieber wissen. Wie habe sich das angefühlt, plötzlich US-Präsident zu sein?

Obama erinnert sich an die erste Nacht und die Erkenntnis: »Das ist nicht mein Haus, das ist das Haus des Volkes, du schläfst plötzlich in einem Museum«. Wie habe er das seinen Töchtern erklärt? Die seien noch jung genug gewesen, erklärt Obama, und ihre Räume sollten »nicht Aussehen wie die Residenz von Thomas Jefferson«, eher wie Kinderzimmer.

Lanz gibt Obama die Gelegenheit, sich als Mensch zu schildern, der mehr unter dem Verlust seiner Anonymität leidet, als dass er sich über seine Prominenz freuen würde. Er darf auch Vater sein, der sich darüber freut, dass seine Jahre im Amt ohne Spätfolgen für seine Töchter geblieben seien. Das klinge vielleicht seltsam, sinniert Obama. »I fully understand!«, versichert Lanz und erhöht die Temperatur.

»Amerika gibt so viel Geld aus« für Kriege, hebt er an, kolossale »500 Dollar am Tag«. Obama korrigiert noch lachend, »500 Millionen!«, aber da ist Lanz schon auf dem Weg zum vielleicht wundesten Punkt dieser Präsidentschaft. Er packt seine Frage in Geschenkpapier mit einem Schleifchen aus Mitgefühl. Ob er, Obama, denn nicht »schlaflose Nächte« gehabt habe »wegen dieser Drohnenangriffe? Weil, da starben ja die ganze Zeit Menschen«.

Obama referiert über das Gewicht seiner Entscheidungen und die eigenen gefallenen Soldaten, bevor er Allgemeinplätze einnimmt. Selbst gerechtfertigte Kriege seien »immer eine Tragödie«. Durchaus habe er mal »schlaflose Nächte gehabt«, obwohl er manchmal sehr müde war. Zu Hause im Studio und mit Knopf im Ohr hätte Lanz seinen Gesprächspartner vielleicht nicht so leicht vom Haken gelassen. 

Statt auf Drohnen kommt er nun auf Donald Trump zu sprechen und dessen altes Märchen, Obama sei kein geborener Amerikaner. Der ehemalige Präsident gibt zu, diese »lächerlichen Vorwürfe« nicht ernst genug genommen und auch nicht erwartet zu haben, dass die Medien sie ernst nehmen würden. 

Parallel zum »Politzirkus« mit Trump in der ersten Reihe beim »Correspondent’s Dinner« sei der Zugriff auf Osama Bin Laden gelaufen, betont Obama, und will von den Navy Seals schwärmen, als Lanz ihn glücklicherweise wieder schroff unterbricht: »Und gleichzeitig diese enorme soziale Kluft im eigenen Land!« War Trump die Antwort darauf?

Obama meint, Probleme gab es vor Trump und wird es nach ihm geben. Progressive Kräfte bräuchten in erster Linie »bessere Antworten« für die Abgehängten auf dem Land, jene, die nicht von der Globalisierung profitierten. Leute also, für die Obama »der Antichrist« ist, wie Lanz einwirft: »Wie haben sie mit Michelle darüber gesprochen?«

Wie sehr man vermisst hat, dass einer so sprechen kann

Inzwischen aber hat Obama den Trick durchschaut und wischt nun seinerseits die menschelnde Frage wie etwas Lästiges beiseite. Lieber spricht er über eine gespaltene Gesellschaft, eine zersplitterte Medienwelt, weiter atomisiert durch soziale Medien. Es herrsche keine grundlegende Einigkeit mehr über Fakten. Was auf Grundlage der Fakten zu tun sei, darüber könne man noch streiten. Wenn aber die Klimakrise oder die Pandemie grundsätzlich in Zweifel gezogen würde, sei dieser Diskussion der Boden entzogen.

Und wie er so spricht, merkt man, wie sehr man in den vergangenen Jahren vermisst hat, dass einer so sprechen kann. In zusammenhängenden Sätzen, abwägend, zweifelnd auch, empathisch, so analytisch wie charmant. Wie wohltuend das ist. Und dass ein Markus Lanz das eben kann mit seiner wohlwollend lauernden Gesprächsführung, die weniger Interview und mehr ein Zumsprechenbringen ist.

»Wie hat die Tatsache«, will er am Ende noch wissen, »dass sie Ihr ganzen Leben von Frauen umgeben waren, ihren Charakter geformt?«

»Zum Besseren«, sagt Obama und lacht. 

Icon: Der Spiegel

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