Corona-Maßnahmen: Der Diktator in uns – Kolumne

Je länger die Pandemie andauert, desto stärker sehnen sich viele Menschen nach harten Maßnahmen. Mich eingeschlossen. Die autoritäre Versuchung ist groß. Ich entdecke den Diktator in mir.

Ich bin für eine Impfpflicht für Ärzte und Pflegekräfte. Ich bin dafür, der Corona-Warn-App mehr Informationen zur Verfügung zu stellen, auch auf Kosten des Datenschutzes. Ich finde es gut, die Bundeswehr zur Pandemiebekämpfung im Innern einzusetzen, etwa in Pflegeheimen und Gesundheitsämtern. Und allen Corona-Skeptikern entgegne ich: Bezweifeln Sie, was immer Sie wollen, aber ziehen Sie verflucht noch mal eine Maske über Ihre Rotznase, wenn Sie mit mir in der S-Bahn sitzen!

Der Diktator in mir sagt: Wir opfern unsere Freiheit für den Sieg über das Virus. Das ist nötig und richtig.

Einerseits. Andererseits gruselt es mich zu sehen, wie Maß und Mitte zunehmend verloren gehen. Man merkt es daran, wie die Begriffe verrutschen. Etwa in der Debatte über die Frage, ob bereits Geimpfte anders behandelt werden sollen als Nichtgeimpfte. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, schließlich geht es um die Wiederherstellung von individuellen Rechten, zum Beispiel Reisefreiheit.

Doch Bundesjustizministerin Christine Lambrecht von der SPD lehnte das erst mal ab. Sie sagte, es dürfe keine »Privilegien für Geimpfte« geben. Privilegien? Wer hätte geglaubt, dass es der obersten deutschen Rechtspolitikerin so leicht das liberale Hütchen vom Kopf weht?

Auf dem Weg der Selbstradikalisierung ist Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow. Dabei fällt er von einem Extrem ins andere. Erst gingen ihm die Corona-Beschränkungen zu weit, Querdenken light. Nun wäre es ihm am liebsten, das ganze Land würde heruntergefahren, alle Fabriken sollten schließen. Die wirtschaftlichen und sozialen Schäden wären gewaltig. Aber immerhin: Gleichheit im Elend.

Es gibt eine Initiative namens #ZeroCovid, die Aktivisten und Vertreter aus dem Kultur- und Medienbetrieb unterzeichnet haben, darunter Luisa Neubauer von Fridays for Future sowie eine »taz«-Kolumnistin, die zuletzt dadurch auffiel, dass sie alle Polizisten auf die Müllhalde wünschte. Jetzt träumt sie vom totalen Obrigkeitsstaat. Die Aktivistinnen und Aktivisten fordern einen radikalen Shutdown mit dem Ziel: null Neuinfektionen. Das Vorgehen ist unter Virologen umstritten. Aber da es sich bei #ZeroCovid teils um dieselben Leute handelt, die auch schon wegen des Weltklimas alles dichtmachen wollten, ist es wohl auch egal.

Mir fällt auf, dass viele Menschen China bewundern: Toll, wie die Chinesen das Virus unter Kontrolle gebracht haben. Mit welchen Methoden, spielt offenbar keine Rolle: Totalüberwachung aller Handydaten, Drohnen, Gesichtserkennung, Polizeigewalt, soll das ein Vorbild für uns sein?

Von Bundeskanzlerin Angela Merkel ist der Satz, das Virus sei eine demokratische Zumutung. Ich weiß nicht, was mir inzwischen mehr Sorgen macht: das Virus – oder der Diktator in uns.

Icon: Der Spiegel

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